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Hilfe bei Trennung bzw. Scheidung der Eltern oder Tod eines Familienmitglieds
18 Empfehlungen für Eltern die sich trennen
und warum es so schwer ist, diesen Empfehlungen zu folgen.
Von Univ. Doz. Dr. Helmuth Figdor
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Möchte man die vielen psychologischen, sozialen und juristischen Aspekte elterlicher Scheidung bzw.
Trennung in einem Satz zusammenfassen, so könnte man sagen: Die Scheidung/Trennung ist für alle Beteiligten
eine schwere Lebenskrise und zugleich eine große Chance. Für die Erwachsenen eine Chance auf mehr Lebenszufriedenheit
(alleine oder in einer neuen Partnerschaft) und für die Kinder die Chance auf bessere psychische Entwicklungsbedingungen
(als in einem Konfliktmilieu).
Von da her stellt sich für Eltern natürlich die Frage, was sie tun können, um diese Chance auch nützen zu können. Die folgenden "Empfehlungen" sind nicht als Handlungsanweisungen zu verstehen, sondern sollen Eltern darauf hinweisen, worauf es ankäme, wobei darauf aufmerksam gemacht werden muss, dass einige dieser Empfehlungen ohne professionelle Hilfe kaum umsetzbar sind, weil dafür pädagogisches oder psychologisches Spezialwissen über Kinder erforderlich ist (Erziehungsberatung, sozial-pädagogische oder therapeutische Kindergruppen). Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum es Eltern oft schwer fällt, das Richtige für ihre Kinder zu tun: Sie selbst befinden sich in einer so schwierigen emotionalen Situation, dass sie zunächst einmal Hilfe für sich selbst benötigen, bevor sie in die Lage kommen, ihren Kindern die notwendige Unterstützung geben zu können. Im Anschluss an die Empfehlungen sind die häufigsten dieser emotionalen "Widerstände" benannt, in welchen sich wohl viele Eltern wieder finden werden. Um sie zu bewältigen, stehen Ihnen die psychoanalytisch- pädagogische Erziehungsberater/Innen zur Verfügung. 1. Teil: Empfehlungen I. Vor der Scheidung/Trennung 1. Die Entscheidung für oder gegen eine Scheidung (Unter "Scheidung" verstehe ich im folgenden auch die (definitive) Trennung nichtverheirateter Eltern) sollte unabhängig von den Kindern getroffen werden!Weder sollten Eltern nur der Kinder wegen zusammenbleiben, noch sollten sie die Zukunft ihrer Beziehung von den Wünschen der Kinder abhängig machen.
2. Den Kindern müssen die Gründe für die Scheidung verständlich, aber ehrlich erklärt werden!
3. Eltern dürfen nicht darauf hoffen, dass die Kinder die ScheidungITrennung ohne massive Reaktionen hinnehmen könnten! Gesunde Kinder müssen auf die Scheidung reagieren:
4. Kinder, die keine sichtbaren Reaktionen zeigen, müssen ermutigt werden, ihre Gefühle (s. Empfehlung 3) auszudrücken!
Auch dabei kann Erziehungsberatung sehr hilfreich sein. 5. Die Haltung der "Verantworteten Schuld" einnehmen. Darunter ist eine innere Einstellung von Müttern bzw. Vätern zu verstehen, die sich etwa so ausdrücken ließe: "Ich konnte nicht anders bzw. weiß, dass meine/unsere Entscheidung langfristig auch für dich das Beste war (s. Empfehlung 1). Aber ich weiß auch, dass ich dir jetzt großen Schmerz zugefügt habe, und du ein Recht darauf hast, dass ich dir helfe. Diese Schuld kann ich ertragen, weil ich weiß, dass ich meine Entscheidung/mein Einverständnis zur Trennung im Hinblick auf dein künftiges Lebensglück verantworten kann." Dann müssen sich die Eltern vor den Reaktionen der Kinder weniger fürchten und können auf sie eingehen, statt sie zu bekämpfen. Eine solche Haltung lässt sich freilich nicht "verordnen", müssen dazu doch von den Eltern oft große emotionale Widerstände überwunden werden (s. 2. Teil). II. Erste Hilfe nach der Scheidung/Trennung 6. Den Kindern die Angst, an der Scheidung schuld zu sein, nehmen! Fast alle Scheidungskinder haben Schuldgefühle, dass die Eltern sich ihretwegen trennten: weil sie zu schlimm, zu dumm, zu teuer sind u.a.m. 7. Die Kinder aktiv in ihren Loyalitätskonflikten entlasten! Es ist wichtig, den Kindern immer wieder zu vermitteln, dass die Probleme, die zur Scheidung führten, aber auch die Auseinandersetzungen danach, Sache der Eltern sind, dass das Kind jedoch nach wie vor beide lieben darf und zu keinem von beiden halten muss (s. auch Empfehlung 9) 8. (Soweit wie möglich) Regression zulassen! Die meisten Kinder fallen auf Grund ihrer Ängste (s. Empfehlung 3) in ihrer Selbstständigkeit, Frustrationstoleranz, ihren Bedürfnissen und/oder Leistungen vorübergehend auf eine frühere, schon überwundene Entwicklungsstufe zurück. Sie brauchen das, um sich psychisch gewissermaßen wieder aufrüsten zu können. 9. Den Kindern die Angst, den Vater (Der sprachlichen Einfachheit halber bezeichne ich den "wegscheidenden" Elternteil als "Vater" und den Elternteil, bei dem die Kinder leben, als "Mutter".) (ganz) zu verlieren, nehmen! (Diese Forderung setzt natürlich voraus, dass der Vater den Kontakt zu den Kindern aufrechterhalten will bzw. dieser Kontakt für die Kinder nicht unmittelbar gefährlich ist (Alkoholismus, körperliche Gewalt, sexueller Missbrauch). Eine fortgesetzte intensive, durch Loyalitätskonflikte möglichst unbelastete Beziehung zum Vater ist die wichtigste (wenn auch nicht einzige) Voraussetzung dafür, dass Kinder das Scheidungserlebnis gut verarbeiten und die Chance der Scheidung langfristig (ohne überwiegend negative Folgen) nützen können.
10. Den Kindern die Angst nehmen, eventuell auch noch die Mutter zu verlieren! Die meisten Scheidungskinder sind auch in ihrer Beziehung zur Mutter erschüttert. Das nicht zuletzt dadurch, dass die Gefühlsreaktionen der Kinder v.a. ihre Wut und ihre regressiven Bedürfnisse unweigerlich zu Streit und Auseinandersetzungen führen. Diese halten sich zwar in Grenzen, wenn die Mutter die Haltung der "Verantworteten Schuld" (s. Empfehlung 5) einzunehmen vermag, und Regression zulassen kann (s. Empfehlung 8), lassen sich dennoch nie ganz verhindern. Dann ist es wichtig, erstens dem Kind die notwendigen Grenzen zu zeigen, ohne ihm für seine Übertretungswünsche oder derzeitigen Anpassungsschwierigkeiten böse zu sein; und zweitens Auseinandersetzungen mit einer ausdrücklichen Versöhnung, durch Versöhnungsrituale unterstrichen, zu beenden; dritten sollte man dem Kind bedeuten, dass es "momentan für uns beide eine schwierige Zeit ist..." 11. Den Kindern helfen, ihre Gefühle nicht nur zu zeigen (s. Empfehlung 4), sondern auch, sie allmählich in Worte fassen zu können! Das bedeutet: immer wieder mit den Kindern über ihre Fragen und Gefühle reden. Besonders hilfreich sind in diesem Zusammenhang sozialpädagogische Gruppen für Scheidungskinder (z.B. "Rainbows", in Wien neben "Rainbows" auch die "Villa Kunterbunt"). 12. Sich durch Symptome vor/während/nach den Besuchen des Kindes beim Vater nicht irritieren lassen! Weigerungen, Gereiztheit und Aggressionen rund um die Besuche sind normal. Das Kind braucht Zeit, um angstfrei und ohne Wut akzeptieren zu lernen, dass die Beziehungsaufnahme bzw. Wiederaufnahme zum einen Elternteil immer eine Trennung von anderen erfordert. Keineswegs sollen aufgrund solcher Symptome die Besuche eingeschränkt oder gar eingestellt werden. Vielmehr wären die Empfehlungen 6 (Schuldgefühle) und 7 (Loyalitätskonflikte) zu überprüfen. 13. Falls Kinder den Kontakt zum Vater strikt verweigern: Bis ca. 12 Jahre: Von der Besuchsregelung nicht abgehen! Mit Hilfe von Erziehungsberatung nach Ursachen forschen (meist Schuldgefühle, Loyalitätskonflikte). Ab ca. 13 Jahre: Ab der Pubertät sollten Besuchsarrangements nicht mehr ohne Mitbestimmung der Kinder erfolgen! 14. Empfehlungen speziell für Mütter. Die Intensität der Beziehung zum Vater ist nicht nur für die langfristige seelische Entwicklung des Kindes wichtig (s. Empfehlung 9), sondern gewährleistet mittelfristig auch die Harmonie der Mutter-Kind-Beziehung. Je intensiver die Beziehung zum Vater, desto geringer werden mittelfristig (nach den ersten Monaten der schwierigen Umstellung) die Alltagsschwierigkeiten zwischen Kind und Mutter ausfallen. Denn je exklusiver eine Zweierbeziehung ist, je geringer die Möglichkeit des Kindes, zwischen zwei Elternteilen zu "pendeln", desto höher wird auf die Dauer die emotionale Konfliktbelastung sein! 15. Als Mutter/Vater die eigene Krise anerkennen und sich helfen lassen! Kinder in seelischen Krisen zu helfen, ist schwer genug. Geschweige denn, wenn man sich selbst in einer emotionalen, aber auch (v.a. die Mütter) ökonomischen und sozialen Krise (z.B. Isolation) befindet. In solch einer Situation ist die Annahme, man "müsse es allein schaffen" unangebracht und gefährlich. Erziehungsberatung, Paar- oder Familienberatung, Mediation, Gruppen für die Kinder, eventuell auch therapeutische Unterstützung für sich selbst oder als Paar- bzw. Familientherapie, sind angebracht und unbedingt zu empfehlen. (Möglicherweise ist das überhaupt die wichtigste Empfehlung!) III. Empfehlungen für die weitere Zukunft 16. Keinesfalls sollte auf neue Partnerschaften der Kinder zuliebe verzichtet werden! Neue Partnerschaften der geschiedenen Eltern gehören (neben der fortdauernden Beziehung zum Vater) zu den größten Chancen für die psychische Entwicklung von Scheidungskindern! Das gilt auch dann, wenn die Kinder neue Partner (zunächst) ablehnen. Wie die Scheidung (s. Empfehlung 1) sollten auch neue Partnerschaften unabhängig von den Kindern beschlossen werden. 17. Auch wenn die Mutter (der Vater) eine neue Partnerschaft eingeht, das Kind also einen Stiefvater (Stiefmutter) erhält, darf die Beziehung des Kindes zum leiblichen Vater nicht beendet bzw. vermindert werden! Ein neuer Partner der Mutter - so bedeutsam er für die Kinder sein mag - ändert nichts an der Wichtigkeit der Beziehung des Kindes zu seinem leiblichen Vater. Das gilt auch dann, wenn die Kinder den neuen Partner akzeptiert haben und mögen:
18. Empfehlung für die nicht-obsorgeberechtigten, "weggeschiedenen" Väter/Mütter: Dem neuen Partner der Ex-Frau bzw. neuen Partnerin des Ex-Mannes gelassen begegnen und dem Kind bei der Beziehungsaufnahme helfen, statt seine (eventuelle) Opposition zu fördern! Fürchten Sie sich nicht vor Liebesverlust, vertrauen Sie auf die Liebe ihres Kindes (s. 2. Teil, Punkt 6). 2. Teil: Die größten
emotionalen Widerstände bzw. Probleme 1. Die Schuldgefühle angesichts des Leids der Kinder auszuhalten. (Vgl. auch die Empfehlungen 1, 3 und v.a. 5) 2. Die Wut auf den Ex-Partner insofern auszuhalten, als man nicht versucht, das Kind auf seine Seite zu ziehen. Wird der Ex-Parnter abgewertet und schwer beschuldigt, fällt es dem Kind nicht nur schwer, beide weiter zu lieben (s. Empfehlung 7); da das Selbstgefühl des Kindes zu einem großen Teil aus unbewusst verinnerlichten Anteilen beider Eltern besteht, wird auf diese Weise das Selbst- und Identitätsgefühl des Kindes zerstückelt. Eine Hilfe gegen die (natürliche) Tendenz, das Kind für sich einzunehmen, ist es, wenn sich die Eltern sozial nicht abkapseln und somit psychisch weniger auf die Kinder (bzw. ihre einseitige Loyalität) angewiesen sind. 3. Die Enttäuschung und Wut aushalten, dass die Kinder den Partner, der mir so viel Leid angetan hat, dennoch weiter lieben und bewundern. Dabei kann helfen, sich erstens zu vergegenwärtigen, dass die Kinder jene Erfahrungen, die mein Bild von ihm so veränderten, ja nicht machten; vor allem aber sich der Geschichte der Beziehung zu erinnern, nicht zu verleugnen, dass man diesen Menschen auch einmal liebte und er/sie nicht nur aus seinen schlechten Eigenschaften besteht. 4. Für Väter: Die (reale und unvermeidliche) Einbuße an Macht und Einfluss auf die Kinder (aber auch auf die Ex-Frau) hinzunehmen! 5. Für Mütter: Sich von der Idee zu verabschieden, den Ex-Mann aus dem eigenen Leben für immer verbannen zu können! Sei es, dass diese Hoffnung an der finanziellen Abhängigkeit scheitert, sei es durch die Tatsache, dass der Ex-Mann für immer in der Gestalt der eigenen Kinder präsent bleiben wird; und zwar körperlich als auch durch deren Bedürfnis bzw. Anspruch auf Beziehung zu ihm. 6. Auf die fortwährende Bedeutung, die ich (als Vater oder Mutter) für das Kind habe und auf dessen fortwährende Liebe zu mir vertrauen zu können.
7. Es aushalten können, wenn sich das Kind über den anderen Elternteil beklagt, ohne sofort bei diesem zu intervenieren!
Zusammenfassend könnte man das "pädagogische" Problem im Zusammenhang von Trennung und Scheidung - pointiert - folgendermaßen beschreiben: Um eine Scheidung gut verarbeiten zu können, würden Kinder Eltern benötigen, die nach der Trennung so einfühlsam, geduldig, ausgeglichen, optimistisch und zuwendend sind, wie sie es im bisherigen Leben (die ersten Lebensmonate ausgenommen) nie sein mussten. Zur selben Zeit jedoch befinden sich die meisten Eltern in einer so schwierigen psychischen Situation, dass sie Kinder brauchen würden, die so ruhig, anspruchslos, loyal, seelisch gefestigt, vernünftig und selbstständig sind, wie sie bisher noch nie sein mussten. In diesem Paradoxon liegt die eigentliche Gefahr der Scheidung/Trennung für die Kinder. Es ist nicht zuletzt das die Aufgabe der Erziehungsberater/innen der APP, Eltern bei der Bewältigung dieser Lebenskrise zu unterstützen, um ihnen dadurch zu helfen, auch emotional (wieder fähig zu werden, ihrerseits Kindern helfen zu können: Sei es nun in Form eines Seminars, einer Elterngruppe oder individueller Beratung. Zusätzlich stellen die angebotenen Gruppen für Kinder ("Villa Kunterbunt") eine weitere große Hilfe für alle Beteiligte - Kinder und Eltern - dar, die Trennung so zu gestalten, dass sie sich auf die Entwicklung der Kinder langfristig nicht nachteilig auswirkt und dass die Chance, die eine Trennung auch bedeuten kann zum Tragen kommen können.
Vorträge für Eltern: „Scheidung als Chance?“
Für Wen? Elterngruppen
Schwieriger Neubeginn
Trennung: „Wie machen wir es am besten?“
Ein – Tages – Seminar
Die Scheidung oder die Trennung von Eltern, bzw. der Tod eines Elternteils stellt eine Veränderung für die gesamte
Familie dar. |